YouTube will bei Videos von Verschwörungstheoretikern künftig Erklärungen von Wikipedia einblenden. Das kündigte YouTube-Chefin Susan Wojcicki bei der US-Konferenz South by Southwest (SXSW) an. Damit reagiert YouTube auf anhaltende Kritik an seinen Empfehlungsalgorithmen. Zugleich deutet der Google-Konzern keine Absicht an, diese zu verändern.
Ein Beispiel für YouTubes problematische Vorschläge: Bei einer Suchanfrage nach „Evolution vs. Schöpfungsgeschichte“ auf YouTube ist eines der am häufigsten empfohlenen Videos das eines christlichen Fundamentalisten mit dem Titel „100 Reasons Why Evolution Is STUPID“. Wie die NGO AlgoTransparency zuletzt in Experimenten zeigte, sorgen die Empfehlungsalgorithmen von YouTube dafür, dass Nutzern übermäßig oft Videos von Verschwörungstheoretikern empfohlen werden. Sie sind so optimiert, dass sie die Zeit, die Nutzerinnen auf der Plattform verbringen, steigern und damit Interaktion provozieren.
Ablenkung von der Ursache
Das müsste nicht so sein. AlgoTransparency-Mitbegründer Guillaume Chaslot, der bis 2013 am Empfehlungsalgorithmus bei YouTube mitarbeitete, sagte zuletzt dem Guardian, es gäbe „viele Wege, wie YouTube seinen Algorithmus verändern kann, um Fake News zu unterdrücken und die Qualität und Vielfalt der Videos die Leute sehen zu verbessern“. Denkbar wäre etwa eine Ausnahmeregelung, die markierte Videos vom Empfehlungsalgorithmus ausschließt.
Die nun angekündigte Verlinkung von Wikipedia-Artikeln lässt den Empfehlungsalgorithmen unangetastet und lenkt somit von der Ursache des Problems ab. Mit der Verlinkung auf Wikipedia wählt YouTube einen für sich bequemen Weg: Die Videoplattform verzichtet getreu ihrem Gelübte darauf, selbst Inhalte zu produzieren und überlässt das Kommentieren von problematischen Videos anderen. Damit umgeht Youtube Kosten für zusätzliche Mitarbeiterinnen und (rechtliche) Verantwortung.
Für die Autorinnen und Autoren von Wikipedia bedeutet das zusätzliche Arbeit und ungewollte Aufmerksamkeit. Durch die Verlinkung auf YouTube sind mehr Zugriffe zu erwarten, auch von entschlossenen Verschwörern, die moderiert und korrigiert werden müssen.
Dass Wikimedia nicht vorab von dem Vorhaben informiert wurde, ist wohl kaum ein Versehen. Mit der überraschenden Ankündigung gelang es YouTube, Protest aus dem Wikipedia-Umfeld im Vorhinein zu vermeiden.
YouTubes Ankündigung verdeckt die Wurzel des Problems: der hauseigene Empfehlungsalgorithmus des Videodienstes, der auf dem Geschäftsmodell mit der Aufmerksamkeit der Nutzerinnen beruht. Dadurch verdient YouTube Geld mit Inhalten von Populisten und Verschwörungstheorien, die es verstehen, mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen als sachliche und gemäßigte Inhalte.
